Libellenschicksale, Menschenbücher

Interview mit Wolf Harranth

Prof. Wolf Harranth, Jahrgang 1941, gab sich Zeit seines Lebens nicht mit nur einer Aufgabe zufrieden. Der Lektor und Verlagsleiter Harranth schrieb auch die Texte für zahlreiche Bilderbücher und gilt zudem als hervorragender Übersetzer. Daneben brachte er seine Erfahrungen in die Arbeit der Kommission für Kinder- und Jugendliteratur ein und ist als Medienexperte freier Mitarbeiter des ORF. Man kann Wolf Harranth als genauen Kenner der österreichischen Kinderbuchszene der letzten Jahrzehnte bezeichnen: Um an diesem Wissen ein wenig teilhaben zu können, baten wir den Autor von „Michael hat einen Seemann“ um ein Gespräch in seinem Haus in Klosterneuburg. An einem verregneten Samstagnachmittag Mitte Oktober nahm uns Herr Harranth für einige Stunden mit in sein „Andersland“, erzählte aus seinem Leben und sprach über seine Tätigkeit als Schauspieler, Autor, Lektor und Übersetzer.

Ein Zitat begleitete das Interview, von dem wir im Folgenden allerdings nur Auszüge bringen können, wie ein roter Faden: „Habent sua fata libelli“ - „Bücher haben ihre Schicksale“. Die Geschichten hinter Wolf Harranths Büchern, die „Lebensgeschichten“ dieser Bücher, sind nicht weniger faszinierend als ihre In-halte. Sie erleichtern uns eine Annäherung an ihren Ge-halt, eröffnen neue Aspekte der Interpretation, die, im Harranth´schen Sinn, nicht nur eine literarische bleiben sollte.

LiLi: Herr Harranth, den Kindern, Sammlern, Forschern sind Sie durch eine Vielzahl von Funktionen bekannt: als Autor, Lektor, Verlagsleiter und Übersetzer etwa. Aber als Kind haben Sie doch für den Rundfunk gearbeitet, als Rollensprecher im Radio - Stichwort „Familie Floriani“?

Harranth: Angefangen habe ich im Februar 1946 - also im Alter von fünf Jahren - mit einer Sendung im Kinderfunk, die hieß „Das Gummipferdchen“. - Mein Vater, der ein verhinderter Schauspieler und Künstler war, sich mit allerlei Berufen durchgeschlagen hat, ging im Spätherbst 1945 von unserer Wohnung in der Reisnerstraße zur RAVAG und hat gesagt: „Guten Tag, ich möchte den Hamlet spielen.“ Dort war sein Gesprächspartner der Leiter der Literaturabteilung, Prof. Hans Nüchtern. Dessen Frau war die Dora Miklosich. Die wollte eine Kindersendung machen mit einer „Tante aus der Stadt“ und einem „Mann vom Land“. Als mein Vater gefragt wurde, ob er auch Dialekt sprechen kann, hat er gesagt „Jo, jo“ - und so war der „Hiaslbauer“ geboren. Der „Hiaslbauer“ und die „Dora-Tante“ waren in den ersten Nachkriegsjahren sehr wichtig für den Kinderfunk. Aber in dem Augenblick, in dem einer Kinderfunk macht, braucht er Kinder, und mein Vater hatte ein Kind zu Hause - so kam ich zum Radio. Ich hatte sozusagen das Glück, von allem Anfang an Serien zu kriegen, zuerst „Jörgl, Sepp und Poldl“.

LiLi: ... von Inge Maria Grimm?

Harranth: Ja, von Inge Maria Grimm. Das lief im Prinzip nur einmal im Monat, aber es war eine Serie. Das hat mich so durchgebracht. - Es gab damals die RAVAG - unabhängig, aber unter russischer Kontrolle. Wenn man einmal in der „Russischen Stunde“ auftrat, war man also abgestempelt. Dann gab es die Sendergruppe „Rot-Weiß-Rot“ in der Seidengasse 13 - das waren die Amerikaner. Die Erwachsenen waren da oder dort - Kinder waren aber „exterritorial“, wir zwei, drei Kinder waren da wie dort. - so kam es dann zur „Radiofamilie“. Es gab ein Script-Department bei „Rot-Weiß-Rot“ - da war unter anderem ein sehr dünner junger Mann, der Helmut Qualtinger, da war der Peter Weiser, der Jörg Mauthe und eine blutjunge Anfängerin, die Ingeborg Bachmann. In diesem Script-Department ist die Idee entstanden, nach amerikanischem Vorbild eine kleinbürgerliche Durchschnittsfamilie darzustellen. Die Folgen wurden dann abwechselnd von Jörg Mauthe und Peter Weiser geschrieben.

LiLi: Das war dann die „Familie Floriani“?

Harranth: Das war die „Familie Floriani“ - die erste Radiofamilie überhaupt. Sie ist, glaube ich, zwölf Jahre gelaufen, eine der wenigen Serien, die nach 1955 in den Österreichischen Rundfunk übernommen wurden. Das hat mich über den Stimmbruch gebracht - und hat mich insgesamt meine Kindheit und Jugend gekostet.

LiLi: Das Konzept erinnert ein wenig an heutige „reality soaps“ wie „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“.

Harranth: Nur war es damals eine völlige Novität, am Freitagnachmittag gesendet. Die Kinos in Wien haben die ½ fünf-Uhr-Vorstellung ersatzlos gestrichen, weil die Leute alle vor dem Radio gesessen sind und sich die „Familie Floriani“ angehört haben.

LiLi: Das Fernsehen gab’s damals noch nicht.

Harranth: Im Fernsehen lief später die „Familie Leitner“, nachdem die „Familie Floriani“ gekappt worden war. Mit einer kurzen Unterbrechung in den sechziger Jahren habe ich aber immer beim Rundfunk gearbeitet.

LiLi: Auch das Fernsehen für Kinder hatte lange Zeit einen hohen Anspruch. In Ihrer Werkliste findet sich „Das kleine Haus“. Das war doch eine Vorgängersendung von „Am Dam Des“?

Harranth: Von „Am Dam Des“ oder jetzt der „Sendung mit der Maus“. Die Sendung war beliebt, und so haben wir mit den Gestaltern vom „Kleinen Haus“ ein Buch gemacht mit Elementen aus der Fernsehsendung und Texten aus der Zeitung „Das Elternblatt“, die wir auch herausgegeben haben.

LiLi: Welche Autorinnen und Autoren haben Sie eigentlich als Lektor bei Jungbrunnen betreut?

Harranth: Nehmen Sie die Verlagsverzeichnisse von Jungbrunnen und sagen Sie alle, nehmen Sie die Verzeichnisse von Jugend und Volk und sagen Sie einige, nehmen Sie die von ein paar anderen Verlagen und sagen Sie die auch.

LiLi: Die Kinderbuch-Verlagslandschaft war in den sechziger Jahren noch viel reicher als heute?

Harranth: Sie war wesentlich reicher. Sie war natürlich geprägt von der damaligen gesellschaftlichen und politischen Situation. - Jakob Bindel wurde nach dem Krieg Direktor des Verlags Jugend und Volk - er war in der Ersten Republik Wanderlehrer bei den Schul- und Kinderfreunden gewesen. Die Wiener Kinderfreunde hatten dann die Idee zu einer Weihnachtsbuchaktion. Das ist, nebenbei gesagt, eine der größten lesepädagogischen Taten, die es jemals in Österreich gegeben hat. Viele Kinder meiner Generation hatten erst durch diese Aktion die Gelegenheit, an Bücher zu kommen. Viele Autoren sind über diese Aktion großgeworden. Und wenn sie sich die Themen anschauen: Diese Themen konnten nur aufgegriffen werden, weil über die Weihnachtsbuchaktion ein sicherer Absatz - nicht nur im kommerziellen Sinn - gegeben war.

LiLi: Dabei gab es eine enge Kooperation zwischen Jungbrunnen und Jugend und Volk?

Harranth: Die Lizenzen wurden gegenseitig ausgetauscht. Der Direktor von Jugend und Volk, Jakob Bindel, war auch Bundessekretär der Kinderfreunde. Als solcher war er zugleich Leiter des Verlags Jungbrunnen. Erst langsam, mit den Jahren, ist eine eigenständige Produktion bei Jungbrunnen entstanden. Gerade in den Beginn des „Goldenen Zeitalters“ der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur bin ich dann reingerutscht und habe zwischendurch Manuskripte lektoriert.

LiLi: Hatten Sie damals schon literarische Ambitionen?

Harranth: Ja, natürlich. - In der Zeitschrift „Neue Wege“ wurden meine ersten Gedichte gedruckt. Alle Jugendsünden, die man normalerweise versteckt, sind festgehalten ... Als Vierzehn- oder Fünfzehnjähriger habe ich in der Zeitung „Der jugendliche Arbeiter“ - später „Hallo“, Chefredakteur war Winfried Bruckner - sozusagen zum ersten Mal groß publiziert. Mein erstes Werk in dieser Zeitung hat „Der Affensonntag“ geheißen. 1957 entstand „Welche Fehlerquellen können in der Mathematik auftreten und wie kann man ihnen begegnen“ - ursprünglich eine Strafarbeit in der Externistenschule, die aber zur Parodie auf den Mathematiklehrer geriet.

LiLi: Herr Harranth, Sie haben vor allem Texte zu Bilderbüchern geschrieben. Eines der originellsten darunter ist „Herr Schlick geht heute in die Stadt“ mit den Illustrationen von Devis Grebu. Da gibt es eine Text-Bild-Schere: Die Bilder erzählen dem Leser noch weit mehr als der Text selber über diesen ignoranten Mann, der mit Scheuklappen durchs Leben geht.

Harranth: In einem zweiten Buch, „Peter ist der allerkleinste Riese“, wird derselbe Trick verwendet, allerdings zu einem anderen Zweck. - Ich saß damals als Lektor bei der Frankfurter Buchmesse. Devis Grebu kam mit einer Mappe voll zauberhafter, sauber gearbeiteter Zeichnungen. Ich wollte ihn unbedingt haben. Das Problem war: Meine Französischkenntnisse waren äußerst rudimentär, und Grebu sprach nicht Englisch (Grebu, ein Exilrumäne, arbeitete vorwiegend in Frankreich; Anm. d. Verf.). Da war der „Herr Schlick“ eigentlich die Idee: Ich habe einen kleinen Kettentext geschrieben, an den er sich überhaupt nicht halten musste. Er erfand eine Serie von Bildgeschichten dazu, und das hat wunderbar funktioniert.

LiLi: „Peter ist der allerkleinste Riese“ haben Sie bereits angesprochen - ein Buch das, um es ein wenig frivol auszudrücken - ebenfalls mit einer Pointe arbeitet. Wie sehr hatten Sie dabei den kindlichen Leser im Auge, der selbst herausfinden sollte, was eigentlich mit Peter los ist?

Harranth: Jedes Buch hat seine Geschichte - dieses hat auch einen realen Hintergrund. Und zudem hat es mich furchtbar gestört, wie man mit Behinderten umgeht, auch in der Literatur. Diese verkitschten Darstellungen: „Blinder lernt wieder laufen“, so in dieser Art. Als Verleger habe ich aber auch gewusst, dass man ein solches Buch über Behinderte nicht leicht verkaufen kann. Hier setzt dann der Trick ein und die wunderbare Zusammenarbeit mit Angelika Kaufmann. Der Text erzählt eine Geschichte, die überhaupt nichts mit den Bildern zu tun hat - sie korrespondieren aber natürlich schon: Der Bub steht in der Straßenbahn, aber die Geschichte sagt, er ist Raketenführer. Im Bild sieht man beim ersten Mal, beim zweiten Mal schon die Beinschiene, aber unauffällig, bis der Bub irgendwann „die Welt auf den Kopf stellt“, das heißt, er macht einen Kopfstand. Da rutscht ihm die Hose herunter, und man sieht die Beinschiene jetzt ein bisschen besser.

Der Trick besteht eben darin, dass wir die Erwachsenen überlisten, die ja die Bücher für ihre Kinder kaufen. - Dann fragt das Kind: Was ist das? Und beim zweiten Mal oder beim drittenmal sieht es die Schiene, beim vierten Mal entdeckt es: Da war sie auch schon, und dann fragt es sich oder die anderen: Wie stimmt das überein, wieso hat der Peter so eine Phantasie? Damit zwingen die Angelika Kaufmann und ich die Erwachsenen, mit den Kindern über die Problematik des (angeblich) Behindertseins zu sprechen. - Das ist ein zentrales Anliegen von mir: Für mich sind Bilderbücher zunächst einmal Menschenbücher. Die Verantwortung des Bilderbuchkünstlers ist: Ich präge Menschen, die noch formbar sind. Das, was ich da jetzt sage oder behaupte, bleibt früher oder später hängen, als Magie des Wortes, als etwas, was ich gar nicht kapier´ oder als eine ganz zentrale Aussage. Darüber hinaus gibt es so etwas wie einen Metatext im Buch, der auch den Erwachsenen etwas sagen soll.

LiLi: Eine solche Doppelsinnigkeit findet man auch in anderen Ihrer Bücher, etwa in „Michael hat einen Seemann“. Zum Beispiel die Szene, als der Seemann in der Badewanne sitzt: für Kinder vielleicht eine selbstverständliche Situation, für Erwachsene eine groteske Pointe.

Harranth: Natürlich. Wo kann sich ein Kind einen Seemann anders vorstellen als beim Baden, noch dazu, wenn es vielleicht ein Spielzeugschiff hat?

LiLi: Eine fruchtbare Zusammenarbeit war die mit Josef Palecek, der auch die Erstfassung der „Wunderschönen Wiese“ illustriert hat.

Harranth: Das war 1972. Können Sie sich das Wort „Umweltschutz“ vorstellen im Jahr 1972? Das war damals etwas ganz Außer- und Ungewöhnliches. Josef Palecek und ich sind sehr gute Freunde. Palecek ist eine Schwejk-Figur.

LiLi: Das Buch bietet auch eine sehr pointierte Kritik am Konsumzwang, an dem „Immer-noch-mehr-wollen“. Als am Schluss die Wiese zerstört ist, wird die nächste in Angriff genommen. Eigentlich also ein recht unheilvolles Ende?

Harranth: Wenn Sie sich die zweite Fassung ansehen, finden Sie auch da ein Scheitern am Ende. Wir haben so eine „O-Bein-Philosophie“ der Kinder- und Jugendliteratur - am Ende „kommen sie wieder zusammen“, „geht alles gut aus“. Das kann aber in vielen Dingen nicht funktionieren, und im Bereich Umweltzerstörung gibt es keine so einfache Lösung. Die zweite Fassung endet dann mit einem Appell, der, obwohl das Buch immer noch auf dem Markt ist, sehr komisch daherkommt.

LiLi: Die zweite Fassung, „Da ist eine wunderschöne Wiese“, ist sehr stark von den Illustrationen Winfried Opgenoorths geprägt.

Harranth: Die zweite Fassung der „Wunderschönen Wiese“ hat auch eine Geschichte - jedes Buch hat eine Geschichte. Ich habe den Verlag Jungbrunnen nach fünfundzwanzig Jahren verlassen. Meine Mitarbeiter wollten mir ein Abschiedsgeschenk machen und haben heimlich mit Winfried Opgenoorth eine Neufassung des Buches vorbereitet. Die Idee war: Die Wiese dreht. Wenn sie genau schauen, werden sie sehen, dass die Wiese eine Drehbühne ist, und die Kamera - oder der Winfried - geht einmal im Kreis herum.

LiLi: Die Bilderbücher Opgenoorths erinnern an die sogenannten Wimmelbilderbücher.

Harranth: Ja, das ist die zweite Grundidee der Illustrationen. Der Winfried hat sehr viele Sachen hineinversteckt: der Frosch, der den anderen Frosch durch den Reifen springen lässt, der Vogel, der den Wurm nicht frisst. Jede der Personen kommt auf jedem Bild wieder vor.

LiLi: Ein wunderbares Buch ist „Mein Opa ist alt, und ich hab ihn sehr lieb“. Hier finden sich zwei Gegensatzpaare: jung - alt und Stadt - Land. Das Buch besticht auch durch die sensiblen Illustrationen von Christina Oppermann-Dimow. Im Vorsatz wird bereits die Vorgeschichte erzählt.

Harranth: Diese Vorgeschichte hat die Christina erfunden, das war ihre Idee. Mit einem Handstreich entlässt sie mich in die Geschichte und gibt mir die Möglichkeit sie wieder zu verlassen - wenn der Großvater wieder wegfährt. Diese beiden Bildfolgen (im Vor- und Nachsatz) haben Parallelen. Der Großvater kauft erst einen, dann nur mehr einen halben Laib Brot undsoweiter.

LiLi: „Das Flötenkonzert“ ist Ihr bisher letztes Buch?

Harranth: Das letzte, das ich selber gemacht habe, ja.

LiLi: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Romulus Candea?

Harranth: Ich lebe in einer „Anderswelt“, in der unter anderem Musik eine ungeheure Rolle spielt. Wenn sie mich nicht zuhause antreffen, sitze ich sicher mit einer Partitur im Musikverein. So wie die Zeit ein abstrakter Begriff ist, ist der Zugang zur Musik für Kinder abstrakt. Und es war mir ein Anliegen zu zeigen: Da ist eine Welt, eine ganze Welt. - Bücher prägen - in diesem Fall vielleicht ein einziges Kind, das sich dann einmal fragt: Was bedeutet die Musik für mich? - Ein so schwieriges Thema: Wer sollte das illustrieren? Und der Candea hat gesagt, er macht nie wieder etwas. Ich habe ihm ein Briefchen geschrieben - und er hat das Buch gemacht. Das ist ein Geschenk von ihm an den Verlag und an mich gewesen. Die Wiener Symphoniker hatten die Patronanz über das Buch übernommen, und ich habe mir vorgestellt, Patronanz heißt, dass mit dem Buch auch etwas geschieht, bei Kinderkonzerten. Das ist leider nie verwirklicht worden ... eine nicht erfüllte Hoffnung.

LiLi: Dürfen wir auf ein neues Harranth-Buch hoffen?

Harranth: Nein. - Ich habe, zuerst nebenbei, zuletzt ausschließlich, für den ORF gearbeitet und nach meiner Verlagstätigkeit dort die erforderlichen Jahre für die Pensionsberechtigung erworben. Ich hätte nie zu denen gehört, die ausschließlich von der Literaturproduktion leben können - am allerwenigsten im Alter. Und da man nicht zur Pension dazuverdienen darf, lass´ ich es eben bleiben - obwohl ich noch ein paar Geschichten im Kopf hätte, Bilderbücher. Zwei Enkelkinder müssten eigentlich noch etwas kriegen. Aber das ginge dann nur noch unter einem Pseudonym, oder wenn ein anderer das Honorar kassiert.

LiLi: „Wolfgang Ney“ würde sich anbieten.

Harranth: (lacht)

LiLi: Herr Harranth, vielen Dank für das Gespräch.

Literatur:

Jörg Mauthe/Peter Weiser, Familie Floriani. Ein wienerischer Jahreslauf in dreißig Bildern. Ill. v. Erni Kniepert. Kremayr&Scheriau (Buchgem. Donauland), Wien 1954

Komm mit uns in DAS KLEINE HAUS. Ein Fernsehbuch aus dem Verlag Jungbrunnen. Text von W.H. Ill. v. Barbara Resch. Jungbrunnen, Wien-München 1972

W.H.., „Da ist eine wunderschöne Wiese“, sagt Herr TimTim. Ill. v. Josef Palecek. Jungbrunnen, Wien-Mü. 1972

W.H., Michael hat einen Seemann. Ill. v. Josef Palecek. Jungbrunnen, Wien-München 1975

W.H., Herr Schlick geht heute in die Stadt. Ill. v. Devis Grebu. Jungbrunnen Wien-München 1977

W.H., Mein Opa ist alt, und ich hab ihn sehr lieb. Ill. v. Christina Oppermann-Dimow. Ju.bru,. Wien-Mü. 1981

W.H., Peter ist der allerkleinste Riese. Ill. v. Angelika Kaufmann. Jungbrunnen, Wien-München 1986

W.H., Das Flötenkonzert. Ill. v. Romulus Candea. Jungbrunnen, Wien-München 1996

Interview mit Prof. Wolf Harranth
erschienen in: libri liberorum Heft 10 / Dezember 2002 (Jg. 3)
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Sprachlos vor jedem Wort. Interview mit Wolf Harranth (Teil 2)

Die Transkription eines auf Ton- oder Videoband aufgezeichneten Interviews mag – wenigstens ansatzweise – ähnliche Problemstellungen mit sich bringen wie das Übersetzen eines Textes aus einer anderen Sprache. Eine wortwörtliche Übertragung kommt in der Regel ebenso wenig in Frage wie ein allzu freier Umgang mit dem vorhandenen „Material“. Zumeist muss ein Mittelweg gefunden werden, der Autor und Übersetzer dennoch – selbst nach langem Feilen und ehrlichem Bemühen – nicht immer befriedigen wird. – Nach längerer Zeit bringt lili nun den zweiten Teil eines Interviews mit Professor Wolf Harranth, das im Oktober 2002 in Klosterneuburg stattgefunden hat.[1] Der Schwerpunkt liegt diesmal auf Harranths langjähriger Tätigkeit als Übersetzer – von Kinderliteratur, von Jugendliteratur, von Weltliteratur.

lili: Herr Harranth, als Übersetzer haben Sie Unglaubliches geleistet. Sie haben über 100 Bücher übersetzt, auch Weltliteratur, viele Autoren in Österreich bekannt gemacht: Lloyd Alexander, Patricia Wrightson… Mehrmals haben Sie sich auch in satirischer Weise über schlechte Übersetzungsarbeit lustig gemacht. Wie haben Sie Ihre Auswahl getroffen, wie sind Sie auf bestimmte Autoren gekommen?

Wolf Harranth: Was macht ein Lektor in seinem Verlag, wenn er auch Autor ist? Wenn er ein Buch schreibt, hat er keinen Lektor. – Was macht dieser Autor, wenn er, um das zu vermeiden, zu einem anderen Verlag geht? Er hilft der Konkurrenz. – Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Zum einen, indem man Bilderbücherbücher macht, so wie ich es versucht habe, Bilderbücherbücher, die einfach gegen den Trend, gegen den Strich gebürstet waren, oder die entstanden sind, um Honorare zu sparen. Und die zweite Möglichkeit ist: Man übersetzt. – Wie kommt man zum Übersetzen? Man kriegt ein Buch, das ist sooo fantastisch, aber: so viele Wortspiele, so viel Verrücktes, Verdrehtes drinnen – das übersetzt einem ja keiner. Wenn man aber als Kind im Sender „Rot-Weiß-Rot“ der Amerikaner gearbeitet hat… Irgendwie habe ich dort Englisch gelernt.

lili: Nicht in der Schule?

Wolf Harranth: Die Schule war eigentlich das Geringste. Das Englisch war da – nicht so, wie es heute da ist, oder anders, als es heute da ist. So ist man halt wagemutig, und so habe ich eben das erste Buch übersetzt und das nächste – das waren alles Sachen, die kein anderer machen wollte. Damals gab es dieses Berufsethos der Übersetzter noch nicht, da habe ich mir viel leichter getan. Da konnte ich mich sozusagen auch anonym verstecken, denn wenn ich Sie heute frage, wer dieses oder jenes Buch übersetzt hat, dann wissen Sie es auch nicht… Suchen Sie irgendwo so etwas wie Übersetzungskritik, irgendwo, in Rezensionen, Sie werden nichts finden.

lili: Ein Beispiel für eine Ihrer Übersetzungen: Mir gehört die Rennbahn von Patricia Wrightson.[2] Als Übersetzer ist „Wolfgang Ney“ angegeben.

Wolf Harranth: Ja, der „Wolfgang Ney“ kam immer dann zum Zug, wenn der Wolf Harranth schon ein Buch in dieser Saison hatte, wenn irgendetwas anderes ausgefallen ist, es aber darum ging, im letzten Augenblick noch rasch etwas zu machen. Also – da konnte ich mich gut verstecken, da war ich unauffällig, da konnte ich auch für andere Verlage arbeiten, ohne dass ich irgendjemandem etwas weggenommen hätte – und das eskaliert bald. Man kriegt dann die unmöglichsten Bücher zum Übersetzen, weil man derjenige ist, der die unmöglichen Bücher übersetzt hat – in dieser Eigendynamik läuft das. Dann kam dazu, dass ich, als ich mich vom Verlagswesen verabschiedet hatte, frei geworden bin und mir vorgestellt habe: Jetzt werde ich endlich schreiben. Der Drang zum Schreiben war also viel stärker als alles andere. Man kann nicht Rundfunkmensch, also Journalist, Verlagsmensch, also Multiplikator, und Autor und Übersetzer sein – man muss sich irgendwann entscheiden. Aber – ich hatte da gerade zuvor den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen.[3] Das war eine ungeheure Aufwertung für eine Übersetzung und hat sofort Übersetzungsaufträge nach sich gezogen. In meiner Angst, als „Freier“ nicht bestehen zu können, habe ich sie angenommen – weil es ja schöne Aufträge waren. Es kamen immer noch größere Herausforderungen, und so ist das Schreiben dann eigentlich mehr oder weniger – ja, nicht gestorben, aber ich bin nicht mehr dazu gekommen, bis zu dem Punkt, wo ich auch mit dem Übersetzen aufgehört habe.

Gut – „übersetzen“… Sie haben Weltliteratur angesprochen. Vielleicht ein Beispiel?

lili: Bitte.

Wolf Harranth: Weil es mir gerade einfällt: Oscar Wilde, Das Gespenst von Canterville.[4] Es gibt eine Textstelle, da sagt das Gespenst zur jungen Olivia: „…for love has always been with you, and love is stronger than death.“ Das ist übersetzt worden mit: „Sie waren immer schon ein liebenswertes Wesen, und die Liebe ist stärker als der Tod.“ – Vollkommen korrekt übersetzt, mit zwei Ausnahmen. (Skandiert) „… for lóve has álways been wíth you, and lóve is strónger than déath.”

lili: … ein Rhythmus.

Wolf Harranth: … da ist ja ein Rhythmus, das ist ja gebundene Sprache – erstens – und zweitens: Hier spricht ja ein ganz pathetisches altes Gespenst. Ich improvisiere jetzt eine andere Lösung: „Ihnen ist Liebe gegeben, und die Liebe besiegt selbst den Tod.“ – Das ist ein Unterschied, den keiner merkt, außer man selbst, oder wenn jemand vergleicht, und der aus einer Arbeit von ein paar Stunden eine Arbeit von ein paar Monaten machen kann. Aber jetzt stimmt nicht nur die sachliche Übersetzung, jetzt stimmt der Ton, jetzt stimmt der Rhythmus. – Und was passiert dann: Man soll Gedichte übersetzen. Ich habe als erster die Gedichte von Rudyard Kipling aus dem Dschungelbuch[5] übersetzt und zwar – nach Möglichkeit – silbengenau, oder reimgenau, oder rhythmusgenau. Das ist eine Arbeit, die hat wirklich Wochen gedauert. Ich erinnere mich, ich bin einmal nach Innsbruck gefahren und habe auf der Hinfahrt vier Zeilen gemacht und auf der Rückfahrt vier Zeilen.

lili: Für Kinder angefertigte „Bearbeitungen“ von Klassikern, in denen nur mehr die Grundstruktur der Handlung erkennbar ist, müssen Ihnen demnach ein Gräuel sein.

Wolf Harranth: Ich habe zum Huckleberry Finn ein Kompendium gemacht, das umfangreicher ist als der „Huck“ selbst.[6] Ich habe eineinhalb Jahre über dem „Huck“ gearbeitet, bis ich das Buch übersetzt habe. Ich habe 26 oder 27 Übersetzungen verglichen – katastrophal. Es hat vorher keine einzige vollständige Übersetzung gegeben, und vor allem keine, die auch nur den Versuch unternommen hätte, Mark Twain, dem Original, im Inhaltlichen nahe zu kommen. Ich will nicht sagen, dass es mir gelungen ist. Ich würde es heute wieder anders machen als damals.

lili: Ein Beispiel für eine besonders lieblose Übersetzung aus persönlicher Leseerfahrung: Ich erinnere mich dunkel an die deutsche Ausgabe eines Romans von Agatha Christie, in der mehrere Seiten des Originals einfach „ausgelassen“ worden waren, und zwar genau die, in denen der Hinweis auf das Motiv des Verbrechens, also die eigentliche Pointe, enthalten war.

Wolf Harranth: Noch nie waren die Zeiten für „schlechte“ Übersetzer so gut wie jetzt. Übersetzer werden schlecht bezahlt, weil in der ganzen Struktur des Buchmanagements das Geld dafür fehlt. Also gibt es zwei Möglichkeiten: Es macht entweder jemand, der unbedingt übersetzen möchte, auch wenn er nichts dafür kriegt, oder man „schludert einfach runter“. Wenn ich etwa für 80 Buchseiten 1000 Euro bekomme…

lili: ist das ein Zeilenhonorar?

Wolf Harranth: Ja, genau. Wenn ich also 1000 Euro bekomme, und ich arbeite für diese 1000 Euro ein Monat lang, dann habe ich eben ein Monatsgehalt von 1000 Euro. Wenn ich 1000 Euro bekomme, und ich arbeite ein halbes Jahr – bleiben es auch nur 1000 Euro. Also entweder Selbstausbeutung oder Schludern… Da habe ich aufhören müssen, weil ich vor jedem Satz und jedem Wort gestanden und fast sprachlos geworden bin… Das einzige, was ich machen konnte: Ich konnte als relativ prominenter Übersetzer für unseren ganzen Stand einiges tun.

lili: Senta Kapoun war da ebenfalls sehr engagiert.

Wolf Harranth: Richtig. Wir konnten dafür sorgen, dass es ordentliche Verträge gibt, dass wir nicht nur im Impressum, sondern auch in den Werbemitteln genannt werden.

lili: Es gibt auch einen Übersetzerpreis als Teil des Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreises.

Wolf Harranth: Das ist zum Beispiel eine der Großtaten der Kommission, der österreichischen Lese- und Literaturförderung. Ich habe meinen Deutschen Jugendliteraturpreis als Übersetzer nur aus Verlegenheit bekommen. Die hatten kein preiswürdiges Buch, also haben sie halt den Malcolm Bosse ausgezeichnet…

lili: - Ganesh

Wolf Harranth: Ganesh oder eine neue Welt – und zwangsläufig dann auch den Übersetzer.

lili: Die Doppelfunktion Autor – Übersetzer kommt öfter vor. Käthe Recheis, Friedl Hofbauer, Otfried Preussler, Hans Baumann, um nur einige Beispiele zu nennen. Wahrscheinlich eine besondere Affinität zum geschriebenen Wort…

Wolf Harranth: Da gibt es verschiedene Gründe. Der einfachste Grund ist der materielle. Von ein, zwei neuen Büchern pro Jahr kann man nicht leben, weder als Autor noch als Übersetzer. Bleibt die Alternative, sich mit Lesungen oder mit anderen Nebentätigkeiten über Wasser zu halten, oder eben in mehreren Bereichen zugleich zu arbeiten, also: ein Buch schreiben, eines übersetzen, oder ein Bilderbuch für die Unterstufe machen, ein Lesebuch für die Größeren, eine Anthologie in einem anderen Verlag und eine Übersetzung – und Sie können schlecht und recht ein Jahr lang leben. Es ist ja auch ein Beruf wie jeder andere…



[1] Libellenschicksale, Menschenbilder. Interview mit Wolf Harranth. – von Emmerich Mazakarini. libri liberorum Jg. 3, H. 10, S. 19-28.

[2] Patricia Wrightson, Mir gehört die Rennbahn. Jungbrunnen, Wien/München 1974 (Erstfassung)

[3] für die Übersetzung von: Malcolm J. Bosse, Ganesh oder eine neue Welt. Benzinger, Zürich/Köln und Jungbrunnen, Wien 1982

[4] Oscar Wilde, Das Gespenst von Canterville. Cecilie Dressler, Hamburg 1993

[5] Rudyard Kipling, Das Dschungelbuch. Cecilie Dressler, Hamburg 1987 – ders., Das zweite Dschungelbuch. Cecilie Dressler, Hamburg 1989 – ders., Das große Dschungelbuch. Cecilie Dressler, Hamburg 1989

[6] Mark Twain, Die Abenteuer des Huckleberry Finn. Cecilie Dressler, Hamburg 1995 – Das Kompendium, ein unveröffentlichtes Manuskript, liegt zur Ansicht unter anderem in der STUBE und dem KinderLiteraturHaus in Wien auf.

Interview mit Prof. Wolf Harranth Teil 2
erschienen in: libri liberorum Heft 19/20 / Mai 2005 (Jg. 6)
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