In diesen Jahren. Wien 1945-1965. Anmerkungen zu einer „kleinen Schrift“ von Karl Bruckner

In keinem Verzeichnis der Werke Karl Bruckners, beginnend bei Richard Bambergers grundlegender Monographie Karl Bruckner. Leben und Werk (Jugend und Volk, Wien 1966) bis zum Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur (Buchkultur, Wien 21995), findet ein schmaler Band des bedeutenden Jugendschriftstellers Erwähnung, der unter dem Titel In diesen Jahren. Wien 1945-1965 „aus Anlaß des zwanzigsten Jahrestages der Befreiung“ (S. 2) bei Jugend und Volk erschienen ist. Auch in Felix Czeikes Aufsatz Viennensia-Literatur bei Jugend und Volk (in: J&V 1921-1971 – Profile und Blickpunkte. Jugend und Volk, Wien/München 1971; S. 87-105) bleibt Bruckners hochinteressanter Beitrag zur literarischen Aufarbeitung österreichischer Zeitgeschichte unberücksichtigt.

Nach 1945 hatte sich im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur eine spezielle Subgattung von Sachbüchern etabliert, die dazu beitragen sollte, ein neu entstehendes Österreich-Bewusstsein zu prägen bzw. zu forcieren. Anlässe für Neuerscheinungen boten in diesem Zusammenhang nicht nur runde Jubiläen nach dem Ende des Zeiten Weltkriegs 1945 oder nach dem Staatsvertrag 1955, sondern auch Geburtstage großer Staatsmänner wie Renner, Schärf und Körner, sowie herausragende Leistungen im Zuge des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Konsolidierung. Für letztere Kategorie mögen etwa die Bücher über die Errichtung des Kraftwerks von Kaprun von Rudolf M. Stoiber (Tagebuch aus Kaprun. Jungbrunnen, Wien 1951) und Othmar Franz Lang (Die Männer von Kaprun. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1955) als Beispiele dienen.

Karl Bruckner, thematisch einer der vielseitigsten österreichischen Jugendbuchautoren der ersten Nachkriegsjahrzehnte, hatte bereits mit seinem Roman über den Olympia-Sieger Toni Sailer (Der Weltmeister. Jugend und Volk, Wien 1956) ein in dieser Form erstaunlich modern anmutendes „Merchandising-Produkt“ für die Wintersportnation Österreich hervorgebracht. Bruckner stellte sich damit in eine Reihe prominenter Kinder- und Jugendbuchautoren wie Annelies Umlauf-Lamatsch, Oskar Jan Tauschinski, Josef Pazelt und – einige Jahre später – Winfried Bruckner, die ebenfalls Themen rund um die junge österreichische Republik (und die Bundeshauptstadt Wien) aufgriffen und literarisch zu verarbeiten versuchten.

Die „heiklen Eisen“ der unmittelbaren Zeitgeschichte wurden in der österreichischen Jugendliteratur erst zu Beginn der 1960er Jahre angefasst. Als Meilensteine werden in diesem Kontext immer wieder zwei Werke genannt: Die toten Engel von Winfried Bruckner (Jungbrunnen, Wien 1963) und Das Schattennetz von Käthe Recheis (Herder, Wien/Freiburg 1964). Karl Bruckner schilderte zunächst in seinem berühmten „Mosaikstil“ die Schrecken nach dem amerikanischen Atombombenabwurf über Hiroshima (Sadako will leben. Jugend und Volk, Wien 1961). Erst nach dem Welterfolg dieses Romans ging der Autor daran, auch eigene Erlebnisse und Erfahrungen der dreißiger und vierziger Jahre literarisch zu gestalten und aufzuarbeiten.

Der Verlag Jugend und Volk war in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zum Stammverlag Bruckners geworden. Eine der erfolgreichsten Programmschienen dieses Verlags waren von Beginn an Viennensia unterschiedlicher Ausprägung gewesen – kein Wunder also, dass sich auch prominente Jugendbuchautoren wie Helmut Leiter und Winfried Bruckner als Verfasser von Werken mit wienspezifischen Themen – für Erwachsene oder für Kinder – versuchten. Nichtsdestotrotz muss in diesem Kontext ein zeitgeschichtlich gefärbtes Wien-Buch einer so singulär dastehenden Autorenpersönlichkeit wie Karl Bruckner das besondere Interesse der historischen Kinderbuchforschung wecken.

In diesen Jahren. Wien 1945-1965: Bei diesem schmalen Paperback-Band von 46 Seiten handelt es sich in sprachlicher Hinsicht um einen typischen Bruckner-Text, der dennoch eine Sonderstellung im Gesamtwerk des Autors einnimmt. In vierzehn Kapiteln schildert Bruckner das Schicksal Wiens und seiner Bewohner vom Ausgang des Zweiten Weltkriegs bis in die 1960er Jahre anhand mehrerer Einzelschicksale. Die Wiederinbetriebnahme einer Straßenbahnlinie oder das Läuten der neugegossenen Pummerin fungieren als Metaphern des Wiederaufbaus kraft kollektiver Hoffnungen und Anstrengungen; die Erlebnisse des ehemaligen Medizinstudenten und enttäuschten Hitler-Anhängers Georg Heim (Kapitel 4) münden in die Erkenntnis, dass der Zusammenhalt über (ehemalige) ideologische Grenzen hinweg einen Neubeginn erst möglich machte. Das Thema Holocaust bleibt ausgespart, die Verfolgung der Deutschen in Tschechien wird angedeutet (Kapitel 4), die Hinrichtung der Widerstandskämpfer Raschke, Huth und Biedermann im April 1945 allerdings ausdrücklich zum Gegenstand der Darstellung gemacht (Kapitel 1).

Für die Bruckner-Forschung lassen sich besonders im ersten, zweiten sowie im letzten Kapitel beziehungsreiche Anknüpfungspunkte ausmachen. In Kapitel 14 kontrastiert Bruckner geschickt die schrecklichen Erinnerungen an die letzten Kriegstage mit Eindrücken aus dem Wien der 1960er-Jahre, während der erste Abschnitt eine Art inhaltlicher Vorschau auf einen zwei Jahre später erschienenen Roman bietet: In Mann ohne Waffen (Jugend und Volk, Wien/München 1967) verarbeitete Bruckner in vier zusammenhängenden Erzählungen die eigene Vergangenheit der Jahre 1938-1945. Die Erlebnisse des Protagonisten Karl Brunner in der letzten dieser Geschichten, Begegnung mit dem Tod, überschneiden sich zum Teil mit denen des ehemaligen Obergefreiten Mühlbacher im ersten und – in retrospektiver Weise – auch im letzten Kapitel von In diesen Jahren. Da der Erzähler von In diesen Jahren aber weit länger bei seinem Hauptdarsteller „bleibt“ als in dem späteren Roman (vgl. Kapitel 2), kann Mann ohne Waffen – zumindest von der Handlungsführung her – als Prequel zu Bruckners Wien-Buch gelesen werden, wenn auch manche Geschehnisse in dem längeren Roman erst durch die Erklärungen der Schrift von 1965 in ihrer vollen Tragweite verstehbar werden (vgl. die Schilderung des leeren Gebäudes am Stubenring in beiden Werken).

Mit Karl Brunner (Mann ohne Waffen) verwendete Bruckner das in seinem an autobiographischen Anspielungen nicht armen Gesamtwerk am leichtesten zu entschlüsselnde Pseudonym seit der Figur des Karl Gruner in Giovanna und der Sumpf (Jungbrunnen, Wien 1953). Für das in einem mehr offiziellen Rahmen veröffentlichte Wien-Buch (Vorbemerkungen des damaligen Bürgermeisters Franz Jonas) wählte der Autor noch einen weniger offensichtlichen „Decknamen“ für eine Figur, die in immerhin drei Kapiteln mehr oder weniger Bruckners eigene Kriegs- und Nachkriegserlebnisse widerspiegelt. Dabei erwies sich der Erzähler Bruckner einmal mehr als kritischer Beobachter des Zeitgeschehens: Not und Elend machen die Menschen nicht zwangsläufig besser, sind keine kathartischen Elemente im engeren Sinn (vgl. die Plünderungen in den letzten Kriegstagen – dieser inhaltliche Ansatz findet sich bereits in Sadako will leben), sie können aber immerhin den menschlichen Selbsterhaltungstrieb und die kollektive Tatkraft zu ungeahnten Höhen steigern. Unter diesem unausgesprochenen Motto – etwa „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ – tritt Bruckner einmal mehr auch als Chronist von Wiederaufbau und Wirtschaftswunderzeit auf, freilich mit einem kritischen Blick auf seine Landsleute, denen am Beispiel der Figur des Heimkehrers Anton Weil eine deutliche Rüge erteilt wird (Kapitel 12): Der materielle Fortschritt darf die Erinnerung an den Idealismus vergangener Tage nicht verschütten; dieser allein bildete das Fundament für das Wiederauferstehen der Republik Österreich.

Ausgewählte Literatur:

Karl Bruckner, In diesen Jahren. Wien 1945-1965 (Jugend und Volk, Wien 1965)

Karl Bruckner, Mann ohne Waffen (Jugend und Volk, Wien/München 1967)

Richard Bamberger, Karl Bruckner. Leben und Werk (Jugend und Volk, Wien 1966)

Felix Czeike, Viennensia-Literatur bei Jugend und Volk (in: J&V 1921-1971 – Profile und Blickpunkte. Jugend und Volk, Wien/München 1971)

Ein bisher kaum bekanntes Werk von Karl Bruckner
erschienen in: libri liberorum Heft 7 / März 2002 (Jg. 3)
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Eröffnung des Denkmals zum Gedenken an Sadako und an Karl Bruckner in Anwesenheit von BM Dr. Michael Häupl. September 2009, 1160 Wien