... ich bin ein Epiker in allem.

im Gespräch mit dem Doyen der österreichischen Kinderbuchillustration, Prof. Adalbert Pilch

Das Portrait Josef Schöffels, des „Retters des Wienerwaldes“, ziert nur einen seiner über dreihundert Briefmarkenentwürfe für die Republik Österreich, doch Prof. Adalbert Pilch, Jahrgang 1917, fühlt sich der Landschaft Wienerwald und dem ganzen Bundesland Niederösterreich verbunden. Nicht unweit der Kartause Mauerbach, in der im heurigen Jahr die große „1000 Jahre Wienerwald“ - Ausstellung gezeigt wird, lebt der Künstler mit seiner charmanten Gattin inmitten einer herrlichen Landschaft, genau an der Grenze zur Bundeshauptstadt.

Unser Besuch beim Ehepaar Pilch kam durch Vermittlung von Herrn Josef Bayerl zustande, einem versierten Kinderbuchsammler und wahrscheinlich besten Kenner der Werke Adalbert Pilchs. Wir wurden überaus freundlich empfangen und konnten kaum glauben, dass unser Gastgeber vor kurzem seinen fünfundachtzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Einzig sein umfangreiches Lebenswerk lässt auf das hohe Alter Prof. Pilchs schließen, der sich seit den späten 1940er Jahren nicht nur als gesuchter Illustrator von Kinderbüchern einen Namen machte, sondern auch ein gefragter Karikaturist war und - seit 1956 - als Entwerfer zahlreicher Briefmarkenmotive, später auch von Banknoten zu den höchsten Ehren gelangte.

An einem hochsommerlich-heißen Maitag sprachen wir mit Prof. Pilch über seine Arbeit, schöne Momente und Enttäuschungen, künstlerische Auffassungen und seine Ansichten über Kinderbuchillustration. Auszüge aus diesem Gespräch sind im Folgenden wiedergegeben:

Herr Prof. Pilch, in einem Buch, das Ihr Werk zum Inhalt hat (Adalbert Pilch - Gemälde. Zeichnungen. Briefmarken. Einleitung von Friedrich W. Zellberger. Österr. Bundesverlag Wien 1966), wird angedeutet, dass Sie wegen Ihrer naturalistischen Auffassung manchmal auch Anfeindungen ausgesetzt waren.

Naturalist - was heißt Naturalist? Die Quellen der Kunst strömen aus den verschiedensten Dingen... Ich bin ein Augenmensch und bin mein Leben lang begeistert von der Natur. `37 bin ich an die Akademie gekommen und bin bei einem Professor gelandet, der die ganze Ausbildung, wie sie jahrhundertelang war, weitergeführt hat.

Wenn man sich verständlich machen will, muss man eine Sprache sprechen, die der andere verstehen kann. Das ist in der Literatur so, das ist in der Musik so und das ist natürlich in der bildenden Kunst auch so... Die Malerei, die Grafik, das ist eine Augenkunst... Der reine Naturalismus ist das Bemühen, die Natur eins zu eins wiederzugeben. Das ist aber, wenn man die Kunstgeschichte betrachtet, niemals das Ziel der Kunst gewesen. Die Kunst ist eine Etage höher. Die sichtbare Welt, also was uns umgibt, die wir verstehen und mit der wir uns ausdrücken, geht durch den Künstler hindurch und wird durch den Geist wiedergegeben, das heißt, das ist ein Erlebnis desjenigen, der überhaupt etwas schafft.

Das Wort Naturalismus ist heute so ein Schimpfwort geworden. In Wirklichkeit bin ich kein Naturalist, ich bin ein Realist, das heißt, mit realistischen Ausdrucksmitteln versuche ich das auszusprechen, was ich sagen will. Der Vorteil dabei: dass ich eine ganz andere Verständlichkeit habe für den Menschen - der muss nicht dialektisch vorgebildet sein in der Kunst, sondern kann einfach erkennen, was ich mache...

Sie haben Ihr Handwerk von der Pike auf gelernt?

Ja, das war so. Wenn man keine Liebe zur Natur hat, wird man sich diesen Weg möglichst abkürzen oder ihn überhaupt negieren und sagen, das ist überhaupt keine Aufgabe der Kunst mehr, die sichtbare Welt abzubilden. Damit begebe ich mich aber der Möglichkeit, mich verständlich zu machen. Das Maximum der gegenstandslosen Kunst ist, eine gewisse Stimmung zu erzeugen, Spannungen aus Linien und Flächen.

Ich persönlich, ich bin kein Lyriker, ich bin ein Epiker in allem. Meine Bilder, meine Illustrationen haben immer einen gewissen Reichtum im Erzählen. Dadurch war ich prädestiniert, für die Schulen zu arbeiten. Mit den Wandtafeln habe ich den Lehrern ein Angebot gemacht an Stoff - die haben Bildbeschreibungen machen können, dass sie ganz selig waren. Das hängt eben mit meiner Art und mit meinem Denken zusammen.

Für ein zeichnerisches „Antitalent“ wie mich gibt es keine schwierigere Aufgabe, als etwa ein Pferd zu zeichnen. Ich habe gelesen, dass Sie schon als Kind Pferde beobachtet und gezeichnet haben.

Ja, ich bin mit Pferden aufgewachsen. Bei uns in der Nähe gab’s einen Fuhrwerksbesitzer, da habe ich täglich die Pferde gesehen mit all ihren Tätigkeiten und Verrichtungen. Als Fünf-, Sechsjähriger habe ich schon Pferde gezeichnet.

Eines ihrer letzten Kinderbücher, „Pony mein Pony“ von Elly Demmer, ist ja auch ein Pferdebuch.

Ja, das war das letzte Kinderbuch. Da kommt das wieder raus. Pferde zeichnen, das hat mich ein Leben lang begleitet. Auch auf der Akademie waren meine ersten Illustrationen Pferdemotive.

Am Anfang Ihrer, wenn ich so sagen darf, Kinderbuchkarriere haben Sie viele Tierbücher des damals sehr populären Autors Felix Rosché illustriert.

Ja, der hat im Radio Vorträge über Tiere gehalten. Für ihn habe ich etliche Bücher illustriert. Man lernt ja mit allem, mit jeder Aufgabe.

Sie haben dabei unglaublich viele Studien betrieben, sich immer auf die Materie eingelassen?

Natürlich, darauf kommt es auch an. Mir wurde schon von der Lehrerschaft gesagt: Die kritischsten Menschen, die es gibt, sind die Kinder. Wenn etwas „falsch“ ist, fällt es den Kindern sofort auf. Eine Katze, die nicht haargenau „stimmt“... Eine Katze muss so ausschauen, dass man sie liebhaben kann - die muss man fast streicheln können.

Haben Sie ab und zu Reaktionen von Kindern bekommen?

Ja freilich, freilich. Für Kinder ist ein Katzerl ein Katzerl, und je besser und echter das ausschaut, desto besser ist die Sache. Ein Lehrer hat mir von einem Buben erzählt, der ein Bild von mir abgebusselt hat, weil es ihm so gut gefallen hat.

Sie haben große Achtung vor einigen Ihrer Kolleginnen und Kollegen, etwa Norbertine Bresslern-Roth, die gerade sozusagen wiederentdeckt wird (vgl. das zweibändige Werk über die Künstlerin von Helene Martischnig, Österr. Kunst- und Kulturverlag Wien 2000)?

Bresslern-Roth war eine der größten Künstlerinnen, die Österreich überhaupt hervorgebracht hat...

Glauben Sie, Herr Prof. Pilch, ist das verspätete Wiederentdecken von Künstlern typisch für unser Land?

Wenn ich so zurückblicke - und das kann ich in meinem Alter - bin ich dankbar dafür, dass ich eines der seltenen zeichnerischen Talente bin, die es so gibt. Zeichnerisch, das heißt, ich war imstande, fast jede mir gestellte Aufgabe zu lösen. Durch das Studium an der Akademie und durch mein jahrelanges intensives Naturstudium habe ich eine solide Grundlage, auf der man aufbauen kann. Und das Technische des Zeichnens ist immer parat. Dadurch habe ich von diesem „unbürgerlichen“ Beruf leben können. Darauf bin ich stolz, dass ich es niemals nötig hatte, mit meinen Werken hausieren zu gehen - `bitte kaufens mir ein Bild ab´ oder `habens nicht eine Aufgabe für mich´. Ich konnte mich vor Arbeit und Aufträgen kaum erwehren.

Auch Portraits haben Sie gemacht...

Im Parlament hängen zwei Portraits von mir, Benya und Waldbrunner. Dann die Postdirektoren...

... und natürlich die großartigen Briefmarken.

Das ist ein Gebiet gewesen, das hat mich vom ersten Tag an der Akademie an interessiert. Ich war ein Schüler von Prof. Dachauer, der selbst einer der größten Briefmarkenentwerfer war, die Österreich gehabt hat. Im Atelier hab ich zuschauen können, wie die Briefmarken entstehen, und ich hab gespürt: Das ist eine Tätigkeit, die würde mir liegen - diese liebevolle Ausführung, das ist auch eine Charaktersache. Das erfordert Geduld und Hingabe, das hat man oder hat man nicht. Mein Professor hat mich aber nicht gefördert, weil er selber wirtschaftlich vom Briefmarkenentwerfen abhängig war.

Da wollte er keine Konkurrenz?

Nein. Ich hab ihn ersucht: `Herr Professor, ich würde so gerne Briefmarken machen, könnten Sie nicht was tun für mich?´ Aber nein - `Auf dem Gebiet bin ich unerreicht´, hat er gesagt, `und außerdem ist das mein Geschäft.´ Erst als ich beim Künstlerhaus war, hat mich der Präsident mit der Post in Verbindung gebracht, und es hat sofort gefunkt.

Die ersten Briefmarken haben Sie noch in den fünfziger Jahren entworfen?

Ich hab `56 eine Künstlerhausserie entworfen, die aber nie erschienen ist. Im Jahr 1958 habe ich dann die ersten Briefmarken gemacht, und dann ist es schlagartig weitergegangen, dreißig Jahre lang. 318 Briefmarken habe ich entworfen, 60 bis 70 hab ich gemacht, die nie erschienen sind, dann 30 für Liechtenstein und eine für Israel. Da hat dann natürlich die Illustration zurückstehen müssen... Erst jetzt, vor zwei Jahren, habe ich es wieder probiert. Da ist man an mich herangetreten: Weinviertler Sagen...

... erschienen in der Bibliothek der Provinz. Hat der Verlag Sie gefragt?

Nein, das war der Autor (Thomas Hofmann; Anm.). Der hat mich kennengelernt bei einer Ausstellung in der Postsparkasse zu meinem achtzigsten Geburtstag. Er hat mich gefragt, ob ich sein Buch illustrieren möchte. Und siehe da, es ist gegangen wie vor vierzig Jahren.

Als Illustrator haben Sie auch das Schreckliche, Unheimliche immer wieder thematisiert, besonders bei den Sagen. Herr Bayerl hat mir eine Zeichnung gezeigt, wo die Skelette...

... über die Mauer klettern. Das hat mir höllischen Spaß gemacht. Das „Gespenst von Canterville“ hab ich auch einmal gezeichnet für einen Buchumschlag. Solche Sachen, das Groteske... Auch für Zeitungen habe ich sehr viel gezeichnet. Als Kriegsmaler war ich zwei Jahre für die Heeresmuseen tätig, dann hab ich für das Niederösterreichische Landesmuseum gearbeitet. Da bin ich in ganz Niederösterreich herumgefahren auf der Suche nach der verfallenden Industrie: Sägewerke, Mühlen, Wehre...

Damit waren Sie ja eigentlich ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Wenn ich heute an den Erfolg der Freilichtmuseen denke, Niedersulz zum Beispiel...

Ja, ich hab das noch dokumentiert, zum Beispiel im Waldviertel eine Mühle, da wurde ein Teil nach dem anderen verheizt. Heute kann man nicht einmal mehr die Stelle erkennen, wo die Mühle gestanden hat. Aber vorher, das wollte ich noch erzählen, nach dem Krieg: Begonnen habe ich als Zeitungszeichner beim „Kurier“.

... damals die Zeitung der amerikanischen Besatzungsmacht?

Ja. Der Oskar Maurus Fontana war damals der Chefredakteur. Zu der Zeit sind viele neue Zeitschriften erschienen, manche nur zwei- oder dreimal, dann waren sie wieder weg. Ich habe sehr viel als Karikaturist gearbeitet.

... so wie viele andere Kinderbuchillustratoren: Rudolf Angerer, Romulus Candea...

Ich habe auch Bücher mit Karikaturen gemacht. Dann hab ich den Verlag Kremayr&Scheriau kennengelernt und die „Wiener Monatshefte“. Für die habe ich jahrelang gezeichnet, auch für den Verlag Jugend&Volk. Von Karl Bruckner habe ich den „Weltmeister“ illustriert - als Schifahrer war ich prädestiniert dazu - und das Mexiko-Buch („Viva Mexiko!“ Benzinger Einsiedeln/Zürich/Köln u. Jugend&Volk Wien 1959; Anm.), das war eine unerhörte Sache für mich. Von dem Stoff war ich erfüllt. Das zähle ich zu meinen besten Arbeiten.

Wie ist das eigentlich vonstatten gegangen? Haben Sie vom Verlag ein Manuskript bekommen?

Das ist immer derselbe Vorgang. Man bekommt das Manuskript vom Verlag. Das ist dann ganz meine Sache, welche Szenen mich zum Illustrieren anregen. Wenn mich ein Text fasziniert hat, war ich bestrebt, das ins Bildhafte zu übertragen und noch zu übersteigern. Zum Beispiel beim „Huckleberry Finn“ - der wurde mit Herzblut illustriert. Der Vater - den hab ich von einer Nebenfigur zum Charakter entwickelt. Man muss ein ungeheures Formengedächtnis angeboren haben, sich Situationen vorstellen können. Ein guter Illustrator muss bis zu einem gewissen Grad ein Schauspieler sein, damit er selbst imstande ist, eine Szene zu erfühlen und darzustellen. Die Künste sind alle sehr verwandt.

Hatten Sie ab und zu Kontakt zu den Leuten, deren Bücher Sie illustriert haben?

Ja, den habe ich prinzipiell gesucht. Bruckner und so, das waren fabelhafte Leute. Aber es gab auch unangenehme Begegnungen. Und bei den Schulbüchern, da waren es ganze Kommissionen.

... „Die Welt von A - Z“ ...

Für diese Arbeit war ich wiederum prädestiniert - etwas erklären. Eigentlich bin ich ein verkappter Lehrer. Mich müssen Sie nur antippen, und es fließt schon.

Herr Prof. Pilch, sind Sie enttäuscht, dass Kinderbuchillustrationen häufig nicht als die „ganz große Kunst“, die in Museen zu bewundern ist, anerkannt wird?

Ja - in der Weise habe ich ein Aschenbrödeldasein geführt. Die Anerkennung ist gekommen, aber über die Briefmarken, da habe ich alle Anerkennungen erfahren, die es gibt. Meine Genugtuung ist nicht mein Bekanntheitsgrad oder eine Würdigung auf dem Kunstmarkt, sondern ich muss sagen: Meine Arbeit war fruchtbar. Für Kinder zu zeichnen, das ist das schönste und fruchtbarste, was man tun kann.

Herr Professor, vielen Dank für das Gespräch.

Literatur:

Adalbert Pilch - Gemälde. Zeichnungen. Briefmarken. Einleitung von Friedrich W. Zellberger. Österreichischer Bundesverlag Wien 1966

Artikel „Adalbert Pilch“ in: Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. Teil 2: Illustratoren. ed. Internationales Institut für Jugendliteratur und Leseforschung. Buchkultur, Wien 21995

Lesetipp: Thomas Hofmann, Das Weinviertel in seinen Sagen. Weithin erglänzt der Ackerstein. Ill. v. Adalbert Pilch. Bibliothek der Provinz, Weitra o.J. (2000?)

Interview mit Prof. Adalbert Pilch
erschienen in: libri liberorum Heft 9 / September 2002 (Jg. 3)
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